WOCHE DER RELIGIONEN

«Frauenfeindlich, rassistisch oder mörderisch», so lauten die Vorwürfe – Warum der Kreuzlinger Imam ein Buch über den Koran geschrieben hat

An einer Veranstaltung im Rahmen der Woche der Religionen widerlegte Rehan Neziri, Imam der albanischen Moscheegemeinde in Kreuzlingen, die These vom frauenfeindlichen Koran.

 

Der Kreuzlinger Imam Rehan Neziri          Bild: Inka Grabowsky

 

«Der Islam ist nicht schuld, sondern wir Muslime, die den Koran nicht richtig verstehen.» Rehan Neziri nimmt Kritikern in einem Vortrag im evangelischen Kirchgemeindehaus schnell den Wind aus den Segeln. Im Rahmen der Woche der Religionen zeigt der Imam der albanischen Moscheegemeinde anhand von konkreten Textstellen, dass der Koran eben nicht so frauenfeindlich ist, wie es gemeinhin unterstellt wird. Einige Suren seien umstritten, räumt er ein. «Insbesondere wenn man sie aus dem Zusammenhang reisst oder nicht im historischen Kontext sieht. Man darf aber nicht aus einem Vers eine Verallgemeinerung machen. Das ist der Fehler sowohl von islamistischen Extremisten wie auch von Islamophoben.»

Seit den Angriffen der Terroristen in New York 2001 würde der Islam in den Medien als gefährlich und faschistisch dargestellt, so Neziri. «Und als 2010 in Kreuzlingen der Islamunterricht an öffentlichen Schulen eingeführt wurde, wurde ich mit Vorwürfen zum angeblich frauenfeindlichen, rassistischen oder mörderischen Koran konfrontiert.» Der sunnitische Theologe begann zu forschen und fasste seine Erkenntnisse Anfang des Jahres in einem Buch zusammen. «Es soll auch islamischen Jugendlichen eine Argumentationshilfe sein, wenn sie in diese Diskussionen verwickelt werden.»

 

Viel zu lernen

Das Kreuzlinger Publikum zeigt sich beeindruckt. «Es beruhigt mich, dass der Koran nicht so frauenfeindlich ist, wie ich gedacht hatte», meint eine Besucherin. Ein anderer Zuhörer ist nicht überzeugt: «Das war ein gutes Referat, aber es beschönigt doch vieles.» Konkret sprach er das Strafsystem der Scharia an. «Das ist so viel mehr als Handabhacken und Steinigen», erklärt jedoch der Imam.

«Und die Taten der Taliban in Afghanistan kann man nicht mit dem Koran begründen. Sie sind aus der Tradition der Stämme dort entstanden.»

Das gelte genauso für die weiblichen Genitalverstümmelungen. «Das ist eine afrikanische Tradition, die sowohl in christlich wie auch in muslimisch geprägten Gruppen gelebt wird.» Die Zwangsheirat habe – anders als die arrangierte Ehe – auch nichts mit dem Islam zu tun. «Sie ist aber ein Problem in muslimischen Gesellschaften.»

«Ich habe gelernt, dass der Koran das eine ist und die gelebte Tradition in den islamischen Ländern etwas anders», bedankt sich ein Zuhörer. Rehan Neziri räumt ein, dass nicht jeder Moslem den Koran kennt.

«Ich selbst empfehle auch nicht, ihn als Einstieg in den Islam zu lesen. Man braucht Kommentare, die einem helfen, die historischen Lösungsvorschläge ins Heute zu übertragen.»

Der Imam hebt hervor, dass der Koran die Kultur der Araber des 7. Jahrhunderts berücksichtigt. «Das müssen wir bedenken, wenn wir die Worte heute einordnen. Es war eine patriarchalische Gesellschaft mit patriarchalischer Rhetorik.» Der Koran habe gegenüber der vorislamischen Zeit schrittweise Verbesserungen einführen wollen. «Er war der Anfang eines Reformprozesses. Die Worte sind dem Propheten offenbart worden. Sie sind heilig, aber das Nachdenken und die Interpretation gehen weiter.»

 

Rehan Neziris Buch «Ist der Koran frauenfeindlich, rassistisch und mörderisch?» ist in Moscheen und im Internet unter islamshop.ch für 10 Franken zu kaufen.

 

Thurgauer Zeitung, 09.11.2023